Die Walliser Schwarzhalsziege: Kulturgut und Symbol des Wallis
Die Walliser Schwarzhalsziege, auch als „Gletschergeiß“ oder „Urgestein des Wallis“ bekannt, gilt als eine der ältesten Hausziegenrassen der Welt und ist tief in der Geschichte und Kultur des Kantons Wallis verwurzelt. Ihre Besonderheit ergibt sich aus einer Mischung aus mythischer Herkunft, extremer Anpassungsfähigkeit und einer tiefen emotionalen Bindung der Züchter zu ihren Tieren.
Hier sind die zentralen Punkte, die ihre kulturelle und historische Bedeutung ausmachen:
Historische Wurzeln und Mythen
Legendäre Herkunft: Die exakte Entstehung der Rasse ist Gegenstand von Debatten. Eine weit verbreitete Theorie besagt, dass ihre Vorfahren um 930 n. Chr. mit afrikanischen (sarazenischen) Einwanderern über das Rhonetal ins Wallis kamen Eine alternative wissenschaftliche Sichtweise identifiziert sie als direkte Nachfahrin der heute ausgestorbenen italienischen Kupferziege. Die „Kuh des kleinen Mannes“: Historisch war die Schwarzhalsziege für die Besiedlung der Bergwelt entscheidend. Aufgrund ihrer Genügsamkeit und Trittsicherheit konnte sie Ressourcen in steilen, felsigen Lagen nutzen, die für Rinder unzugänglich waren, und sicherte so das Überleben der Bergbevölkerung.
Erhaltung der Vielfalt: Vor über 100 Jahren wurden bei der Einführung des offiziellen Zuchtbuchs nur die schwarz-weißen Tiere berücksichtigt. Seltene Farbvarianten wie die Kupferhalsziege, die Grüenochte Geiss und die Capra Sempione überlebten nur dank der Beharrlichkeit einzelner Walliser Züchter und werden heute durch Projekte von ProSpecieRara wieder aktiv gefördert.
Kulturelle Identität und Charakter
Symbol für das Wallis: Die Ziege gilt als Aushängeschild der Oberwalliser Landwirtschaft. Den Tieren wird oft ein ebenso „harter Kopf“ wie den Menschen ihrer Heimat nachgesagt, was sie zu einem Symbol regionaler Identität macht.
Strenge Schönheitsideale: Das Erscheinungsbild ist weltweit einzigartig: Die vordere Körperhälfte ist tiefschwarz, die hintere reinweiß, getrennt durch eine fast geometrische Linie. Während die Haare früher aus praktischen Gründen kürzer waren (20–30 cm Bodenfreiheit für das Gebirge), züchten heutige Halter oft auf bodenlange, zottelige Haarpracht, was eine extrem intensive Fellpflege (Waschen und Kämmen) erfordert.
Die „Schwarzhalsziegen-Affäre“: Die enorme emotionale Bedeutung und der Ehrgeiz der Züchter zeigten sich 2023 in einem Rechtsstreit. Dabei ging es um Vorwürfe der Manipulation (Frisieren/Färben von Haaren) bei Leistungsschauen, was die tief verwurzelte Bedeutung von Ehre und Tradition in der Zucht unterstreicht.
Traditionelles Genossenschaftswesen und Brauchtum
Starke Organisation: Das soziale Leben in den Walliser Tälern wird maßgeblich durch die genossenschaftliche Struktur geprägt. Der Oberwalliser Ziegenzuchtverband (OZIV) verwaltet rund 2.400 Herdebuchtiere in 12 lokalen Genossenschaften.
Der Bockmarkt: Das wichtigste Ereignis im Züchterjahr ist der jährliche Bockmarkt in Naters, der bereits seit 1980 stattfindet. Er zieht Besucher aus dem In- und Ausland an und dient nicht nur der züchterischen Beurteilung, sondern ist ein wichtiges gesellschaftliches Volksfest.
Moderne Bedeutung und Tourismus
Botschafter der Region: Heute punkten die Ziegen im lokalen Tourismus, etwa durch Angebote wie Geissentrekking in der Aletsch Arena, bei dem die munteren Tiere den Wanderrythmus vorgeben.
Landschaftspflege: Ökologisch sind sie als „Entbuscher“ unverzichtbar. Sie verhindern die Verbuschung von Alpregionen durch den gezielten Verbiss von Sträuchern und jungen Bäumen und erhalten so die Biodiversität der alpinen Kulturlandschaft.
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